Valerie Kittel

Valerie Kittel gehörte auch zu jenen Gewerkschafterinnen der ersten Stunde, die bei der Gründung des Österreichischen Gewerkschaftsbundes im April 1945 mitwirkten. Sie übernahm ab 1948 die provisorische Leitung des ersten Frauenreferates der GPA und war von 1950 bis 1966 Frauenvorsitzende der GPA.

Obwohl sie nicht hier am Zentralfriedhof begraben ist, steht sie am Denkmal „der Opfer für ein freies Österreich“ beispielgebend für die Angestellten – Frauen, die sich im Widerstand und beim Wiederaufbau beteiligt haben.

Geburt bis 1934

Valerie Kittel, als Valerie Schuécker, 1905 in Wien Favoriten geboren, wuchs mit ihren Eltern und der jüngeren Schwester in armen Verhältnissen auf. Die Familie zog bis 1918 von Wohnung zu Wohnung und immer im Bereich der Quellenstraße und immer in Zimmer-Küche. Oft hatten sie noch einen Untermieter. 1918 kam die große Veränderung, der Bruch der Monarchie und der Umzug vom Arbeiterbezirk in das bürgerliche Hietzing. In der Hausbesorgerwohnung waren zwar die Wohnverhältnisse beengter, da statt eines Zimmers nur ein Kabinett dazu gehörte, doch war es eine soziale Verbesserung. Es gab Wasser in der Küche, Gas und Licht waren vorhanden und das WC war integriert.

Frauendemo 1920November 1923 nach dem Putschversuch Hitlers in München reagierte Valerie und wechselte gemeinsam mit ihrer Schwester, vom Deutschen Turnverein zur Sozialdemokratischen Partei. Dort leitete sie die Sozialistische Arbeiterjugend und lernte 1925 Anton Kittel kennen. Ein prägendes Ereignis war die Teilnahme am Zweiten Sozialistischen Jugendkongress in Amsterdam vom 26. bis 29. Mai 1926, da sie dort erste Kontakte zum „Schönbrunner Kreis“ und der „Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Erzieher“ knüpfte.

1927 nach dem Justizpalastbrand trat Valerie Kittel aus der katholischen Kirche aus. Den 7. Mai 1928 bezeichnete Fr. Kittel selbst als die große Wende, an diesem Tag wechselte sie in die Versicherungskasse der Kaufmännischen Angestellten (später die Wiener Gebietskrankenkasse für Arbeiter und Angestellte). Ihr Chef im Direktionsvorzimmer war der sozialistische Bundesrat Max Klein und ihre Kollegin war die Jüdin Rosa Ehrlich, welche die große und weise Freundin wurde.

1934 bis 1945

Doch mit dem 12.02.1934 wurde alles anders, Valeries Chef, sowie zahlreiche andere Vorgesetzte und Gewerkschafter wurden verhaftet, sie selbst wurde versetzt in die Personalabteilung. Deklarierte Sozialisten, Arbeitskollegen und Freunde von Valerie Kittel wurden aus der Krankenkassa entlassen. Christliche und rote Krankenkassen wurden zusammengelegt.

Ruth Linhart schreibt in ihren Aufzeichnungen:
Die Sozialdemokratische Partei in Österreich war nun verboten, aber in Brünn richteten Dr. Otto Bauer und andere, wie Josef Pleyl, der Ehemann von Vallys Freundin und Arbeitskollegin Fini Pleyl, das neue Sekretariat der Revolutionären Sozialisten ein, zu denen sich Valerie  Kittel zugehörig fühlte. Sie begann sich bald illegal zu betätigen – bis der „Anschluß“ im März 1938 dem ein Ende setzte.
Viele der „wirklichen“ Genossen seien miteinander in Kontakt geblieben, erinnert sich Valerie. „Natürlich sind auch viele gleich anders geworden. Das hat man im Büro sehr gut gemerkt, unter den Kollegen, und das ist natürlich ausgiebig besprochen worden, wer brav
geblieben ist und wer nicht. “
Ob sie nie daran gedacht habe, wie gefährlich ihre illegale Tätigkeit sei und ob sie nie selbst erwogen habe, der Partei den Rücken zu kehren, um die eigene Haut zu retten? Auf diese Frage geht Frau Kittel gar nicht ein. In der Illegalität war sie für Robert Uhlir und Wilhelmine Moik tätig. Moik kannte sie von ihrer Mitarbeit bei den Freien Gewerkschaften her.  „Die genauen Zusammenhänge haben wir nie erfahren. Man hat immer nur einen kleinen Kreis gekannt, den eigenen Zirkel. Wieviele Zirkel  es gab, wußte man nicht. Wir haben die illegale, in Brünn gedruckte ‚Arbeiter-Zeitung‘ vertrieben und Zusammenkünfte über politische Tagesfragen gehabt. Diesbezüglich war der Karl Czernetz unser Chef. Er hat unter dem Decknamen Thomas agiert. „Ihr eigener Deckname lautete Lehner. Es ist anzunehmen, daß sie zu einer der illegalen Organisationen der Revolutionären Sozialisten, die sich ab Frühsommer  1934 bereits in ganz Österreich betätigten, gehörte.

Zwei Jahre später, im Februar 1940, musste Anton Kittel einrücken, ab diesen Zeitpunkt führten sie ihre Beziehung hauptsächlich schriftlich weiter. Dieser rege Briefverkehr von 1940 bis 1945 gibt Einblick in ihre Gefühle und verschlüsselt oft auch ihre politische Meinung. Durch den Inhalt der Briefe und die Kontakte zu Sozialisten und Juden war sie stets in Gefahr verhaftet zu werden.

Ab 1945

Nach Kriegsende holte Robert Uhlir ehemalige Kolleginnen und Kollegen zu einem Neubeginn in die Krankenkasse. Valerie Kittel schreibt in ihrem Tagebuch: 17.04.1945 erster Tag im Büro, Ernennung zur Abteilungsleiterin. Alle, die am ersten Tag nach Kriegsende in Wien waren, versammelten sich und bildeten einen Arbeiterrat. Es waren hauptsächlich illegale Sozialisten, die sich von früher kannten und die ganze Zeit bei heimlichen Veranstaltungen informierten und auf den Neubeginn hofften.

Ruth Linhart schreibt in ihren Texten:
» Wie war das menschlich? Spürten Sie Genugtuung oder Mitleid gegenüber den ehemaligen Nationalsozialisten? War es peinlich, sie zu entlassen?«

»Das war ganz verschieden, je nachdem, um wen es sich handelte. Es gab Kollegen, die waren sehr nett und bereit, mitzuarbeiten, andere waren pikiert. Zum Teil war es natürlich peinlich. Meinem Chef, der lange Jahre mein Abteilungsleiter war, der mich 1939 mehr oder weniger angefordert hatte, dem mußte ich ganz einfach sagen: ‚Sie gehen jetzt da von Ihrem Schreibtisch weg und ich setz mich her!‘ Das mußte man halt hinter sich bringen. Aber ich blieb dann unangefochten. Allerdings waren die meisten männlichen Angestellten im entsprechenden Alter 1945 noch eingerückt, an der Front, in Gefangenschaft und kamen erst im Laufe der nächsten Jahre zurück. Da waren natürlich viele, die fanden, sie hätten mehr Anspruch auf meine Position gehabt. Da wurde man auch angefeindet. Aber ich kann nicht sagen, daß es bei mir besonders arg war. «

Frauenreferat in der GPA (Artikel in der Kompetenz)

Hier engagierte sich das 1948 geschaffene Frauenreferat, das sich in den folgenden Jahren organisierte und 1954 sein erstes Arbeitsprogramm vorlegte. Es war die erste GPA-Bundesfrauenvorsitzende Valerie Kittel, die sich mit ihren Mitstreiterinnen dem Kampf für die 40-Stundenwoche verschrieb, die für ein Mutterschutzgesetz eintrat und für die Sicherung des freien Samstagnachmittags für das Verkaufspersonal.

Nach 1945 Mitglied des Arbeiterrates der Wr. Gebietskrankenkasse im April 1945
Mitbegründerin der Sektion 17 der Soz. Partei, Bez. Org. Penzing und
Mitglied des Ausschusses bis etwa 1958
Funktionärin der Gewerkschaft der Privatangestellten seit 1945,
Leiterin der Frauenabteilung, Mitglied des Bundesvorstandes des ÖGB
Bis 1963, Mitglied des Bundesfrauenausschusses des ÖGB
Mitglied der Vollversammlung der Kammer für Arbeiter und
Angestellte in Wien vom 16.10.1948 bis Sept. 1964

Auszeichnung Goldenes Verdienstzeichen der Republik Österreich, mit Entschließung des Bundespräsidenten vom 19.12.1960

Lebenslauf – Kurzfassung

06.07.1905 in Wien geboren (Valerie Schuecker), Vater Metallarbeiter, Mutter Hilfsarbeiterin
1911-1915 Volksschule in Wien X
1915-1919 Bürgerschule in Wien X/XIV
1918 Übersiedelung vom X in den XIV Bezirk, Trauer und Ungewissheit durch den Bruch von der Monarchie zur Republik
12.11.1918 Ausruf der Republik Österreich, Einführung des Frauenwahlrechts
1919-1921 Handelschule Weiss in Wien I
1921-1928 Kaufmännische Angestellte bei Fa. Litega
1928-1963 Wr. Gebietskrankenkasse f. Arb. und Ang.
1923 Beitritt zur SPÖ
1924 Beitritt zum Zentralverein d. Kaufm. Angestellten, Beitritt zur Soz. Arb. Jugend (div. Funktionen bis 1927)
1927 Funktion in der Unterrichtsorg. Hietzing der SPÖ
15.07.1927 Justizpalastbrand, nach dem Justizpalastbrand trat Valerie aus der kath. Kirche aus
1928-1934 Funktion in der Frauengruppe des Gewerkschaftsbundes
12.02.1934 Arbeiterkampf gegen Faschismus („Bürgerkrieg“), Auflösung der Freien Gewerkschaften und der Sozialdemokratischen Partei
Ab 1934 illegale Tätigkeit bei der RS (Revolutionäre Sozialisten)
Gruppe Robert Uhlir, Karl Czernetz, Otto Skritek, Fritz Löwy
11.03.1938 Bundeskanzler Dr. Schuschnigg im Radio: „Der Herr Bundespräsident beauftragte mich dem österreichischen Volk mitzuteilen, dass wir der Gewalt weichen….“ Zu diesem Zeitpunkt fand ein Treffen mit sozialdemokratischen Freunden in der Wohnung von Kittel statt
24.08.1939 Hochzeit mit Anton Kittel
April 1945 Die drei Gründungsparteien der Zweiten Republik unterzeichnen die Unabhängigkeit Österreichs
15.04.1945 Gründung des Österreichischen Gewerkschaftsbundes
14.04.1947 Anton Kittel verunglückt tödlich
1950-1966 Vorsitzende des Frauenausschuss der GPA
1955-1963 Stellvertretende Vorsitzende des ÖGB Frauenreferates
1995 stirbt Valerie Kittel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

63 − = 62