Gruppe 40 – Ella Lingens

Ella LingensFoto03An einem Sonntag im März kam ich in Stammersdorf beim Geocaching an der Ella Lingens – Schule vorbei. In der Beschreibung erklärte „Anton283“ die Geschichte dieser beeindruckenden Ärztin, die unter Lebensgefahr mit ihrem Mann jüdischen Familien zur Unterstand gewährte und zur Flucht aus Nazi – Österreich verhalf. Sie wurde am 10. Jänner 2003 auf dem Wiener Zentralfriedhof in einem ehrenhalber gewidmeten Grab (Gruppe 40, Nummer 90) beigesetzt.

1908
Geburt am 18. November in Wien als Ella Reiner.

1931
Nach ihrer Reifeprüfung studiert sie Juristik und Medizin und entwickelt sich zu einer sehr politisch denkenden Frau, die auch bereit ist, sich für ihre politischen und humanitäre Ideale einzusetzen. Ella Reiner studierte zunächst Jus und promovierte 1931. Da sich ihr Berufswunsch, Richterin zu werden, nicht realisieren ließ, nahm sie ein Medizinstudium auf, um als Psychoanalytikerin zu arbeiten. (4)

1934
Bereits früh engagierte sie sich für den Sozialismus – auch als Akt der Auflehnung gegen ihr konservatives Elternhaus. Während der Februarkämpfe 1934 stellte sie ihre Wohnung der Redaktion der Arbeiterzeitung zur Verfügung, versteckte Literatur der Revolutionären Sozialisten und organisierte deren Verteilung.(4)

1938
Nach Beziehungen mit dem Soziologen Paul Felix Lazarsfeld und dem Schriftsteller und KPÖ-Politiker Ernst Fischer heiratete Ella Reiner am 7. März 1938 ihren Studienkollegen Kurt Lingens.(4)
Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 überlegte das Paar, ob es in die Emigration gehen, in Österreich bleiben sollte oder ob es möglich wäre zu bleiben, ohne mitschuldig zu werden. Sie entschlossen sich, vorerst noch nicht zu emigrieren.
In den Monaten nach dem 12. März 1938 verhalfen sie jüdischen Kommilitonen Ella Lingens‘ zur Emigration. Während der Novemberpogrome („Reichskristallnacht“) gewährten sie in ihrem Haus am Rande Wiens zehn jüdischen Familien Unterstand. Weiteren Juden half das Paar nach Ungarn zu fliehen, nahm Einzelne vorübergehend bei sich auf und unterstützte die Eltern ausgewanderter Freunde mit Lebensmitteln.(1)

1939
lemte das Ehepaar Lingens Baron Karl von Moresiczky kennen, der bis zum Jahr 1939 ebenfalls Medizin an der Universität Wien studierte. Sie wurden Freunde und Baron von Motesiczky lud die Lingens ein, während der Sommermonate in einem großen Haus zu wohnen, das er in dem Wiener Vorort Hinterbrühl besaß. Der Baron hatte häufig Juden und Mitglieder des antifaschistischen Widerstands zu Gast.(2)
Im August 1939 wurde Sohn Peter Michael Lingens geboren, der später Journalist wurde.(4)

1942
Im Sommer 1942 begannen die umfangreichen Deportationen der noch in Wien verbliebenen Juden. Einige wandten sich an das Ehepaar Lingens um Hilfe. Im Sommer 1942 wurden Ella und Kurt Lingens von der polnischen Untergrundbewegung, mit der sie in Kontakt standen, ersucht, zwei jüdischen Ehepaaren bei der Flucht zu helfen. Sie nahmen ein Paar bei sich auf und fanden ein Versteck für das zweite. Mit Hilfe eines Mittelsmannes sollten die beiden Paare in die Schweiz gebracht werden. Dieser Mittelsmann, ein ehemaliger Schauspieler namens Klinger, war allerdings ein Spitzel der Gestapo, der die Fliehenden am 4. September 1942 in Feldkirch an die Behörden verriet und ihre Helfer denunzierte.
Ella und Kurt Lingens wurden am 13. Oktober 1942 verhaftet und im Wiener Hauptquartier der Gestapo im vormaligen Hotel Metropol am Morzinplatz inhaftiert. Kurt Lingens wurde einer Strafkompanie in Russland zugewiesen.
Ella Lingens wurde zunächst vier Monate im Gestapo-Gefängnis in Wien eingesperrt und wiederholt verhört. (1)

1943
Im Februar 1943 wurde sie, wie auch Karl Motesiczky, der mit dem Paar an der Rettung von Wiener Juden beteiligt gewesen war, in das KZ Auschwitz deportiert. Lingens und Motesiczky kamen am 20. Februar 1943 frühmorgens um drei Uhr in Auschwitz an.(1)
Sie erhielt als „Reichsdeutsche“ und politischer Häftling die Nummer 36.088. Die Medizinerin Lingens wurde nahezu ausschließlich im Frauenkonzentrationslager in Birkenau (Lagerabschnitt BIa) als Häftlingsärztin im dortigen Krankenbau eingesetzt (3). Motesiczky starb dort am 25. Juni 1943. Zwischenzeitlich wurde Ella Lingens Mitte 1943 für zwei Monate in das Außenlager Babitz des KZ Auschwitz verlegt. Doch auch für Lingens war Auschwitz die „Hölle“. Im April 1943 erkrankte sie an Flecktyphus und überlebte nur knapp.(1)

1944
Ab Dezember wurde sie dann in das KZ Dachau überführt, wo sie u.a. in einem Münchner Außenlager bis zur Befreiung des Konzentrationslagers Dachau durch die US-Armee Ende April 1945 inhaftiert blieb. Obwohl sie dort als Häftlingsärztin eine privilegierte Stellung genoss, setzte sie sich für ihre Mithäftlinge ein und versuchte sie vor der Vernichtung zu bewahren.

1945
Nach ihrer Befreiung schrieb sie, sie habe sich in Auschwitz im Gedanken an ihr Kind, den dreijährigen Peter Michael Lingens, durch den Nationalsozialismus nicht ihre Ehre und Selbstachtung rauben lassen.
Danach musste sich Ella Lingens in ihrem neuen Leben zurechtfinden. Wie viele andere KZ-Überlebende plagten auch sie Schuldgefühle: „Lebe ich, weil die anderen an meiner Stelle gestorben sind?“ fragt sie sich wiederholt.

1947
Im Gegensatz zu vielen anderen KZ-Häftlingen begann sie bereits 1947 ihre Erinnerungen aufzuschreiben und Auschwitzerlebnisse zu analysieren.
In den Jahren nach der Befreiung, als die nationalsozialistische Vergangenheit Österreichs totgeschwiegen wurde, ließ sich Ella Lingens nicht davon abhalten, an die Verbrechen der Vergangenheit zu erinnern. Sie ging trotz der damit verbundenen psychischen Belastung als Zeitzeugin an Schulen und zu Lehrerseminaren, um die nachfolgende Generation über die dunkle Vergangenheit von Faschismus, Krieg und Terrorherrschaft zu informieren. Obwohl im Ausland hoch verehrt und gewürdigt, blieb Ella Lingens in Österreich großteils unbekannt. (1)

1964
Anfang März 1964 sagte Lingens als Zeugin während des ersten Frankfurter Auschwitzprozesses aus. Zur Zeit ihrer Vernehmung im März 1964 war die Zeugin Ella Lingens 55 Jahre alt und als Sachbearbeiterin im Österreichischen Bundesministerium für soziale Verwaltung in Wien tätig. – Hörbeispiel ihrer Aussage

1966
publizierte Ella Lingens den Bericht „Die Frau im Konzentrationslager“.

Nach der Befreiung kamen viele Reporter in das Lager. „Sie versuchten zu verstehen, was hier vorgegangen war, um der Welt davon zu berichten, obwohl wahrscheinlich niemand, der es nicht selbst erlebt hat, es jemals wirklich verstehen kann. Und selbst wer es miterlebt hat, versteht es nicht ganz“,

schrieb Ella Lingens am Ende ihrer KZ-Erinnerungen.

1973
Nach dem Krieg beendete sie ihr Medizinstudium und arbeitete in mehreren Kliniken und im öffentlichen Gesundheitswesen Österreichs. Sie wurde Ministerialrätin im Bundesministerium für Gesundheit und Umweltschutz und trat 1973 in den Ruhestand.

1980
Yad Vashem zeichnete 1980 in Jerusalem Ella Lingens-Reiner und Kurt Lingens mit der Ehrenmedaille Gerechte unter den Völkern aus.

2002
Am 30. Dezember 2002 starb Ella Lingens-Reiner in Wien. Ihr Sohn Peter Michael Lingens berichtete später: „Ein paar Tage vor ihrem Tod verließ meine Mutter noch einmal ihr Bett. Sie stützte sich an den Wänden des Zimmers und des langen Ganges ab und EllaLingensFotostand plötzlich, offenkundig etwas verwirrt, in der Wohnzimmertür. Während jedes Gespräch verstummte, wiederholte sie mit angstvoll geweiteten Augen einen einzigen Satz: Ihr werdet mich nicht verbrennen? Ihr werdet mich nicht verbrennen, gell?“ Sie wurde am 10. Jänner 2003 auf dem Wiener Zentralfriedhof in einem ehrenhalber gewidmeten Grab (Gruppe 40, Nummer 90) beigesetzt. (1)

2003
erschien ihr Buch Gefangene der Angst – Ein Leben im Zeichen des Widerstandes, das von ihrem Sohn, der inzwischen zu einem der bekanntesten Journalisten Österreichs geworden war, herausgegeben wurde. Darin beschrieb sie die Jahre des Widerstandes und ihre Erfahrungen als Gefang ene in den nationalsozialistischen  Konzentrations-lagern.(1)

Ella-Lingens-Hof (23, Steinergasse 36, Carlbergergasse 10, Leopoldigasse 16), städtische Wohnhausanlage, erbaut 1997 bis 1999 mit 491 Wohnungen, benannt (7. November 2003 Gemeinderatsausschuss für Kultur) nach der Ärztin Elisabeth Lingens. Die Wohnhausanlage wurde auf den ehemaligen Konsum-COOP-Gründen errichtet.

Artikel in der Wiener Zeitung: Lingens – Gefangene der Angst

Karl Fallend – Das Gift das man eintrinkt – gebrochene Biografie: Ella Lingens Erinnerungen in der Presse am 27. Dezember 2003

2006
Eine Wiener AHS in Floridsdorf trägt seit dem Jahr 2006 den Namen Ella Lingens Gymnasium.

2012
wurde in Wien Donaustadt (22. Bezirk) die Ella-Lingens-Straße nach ihr benannt.


Literaturtipps:

Ella Lingens: Eine Frau im Konzentrationslager. Wien, Frankfurt am Main, Zürich: Europa Verlag, 1966, 44 S.
Ella Lingens: Gefangene der Angst. Ein Leben im Zeichen des Widerstandes. Hrsg. und mit einem Vorwort versehen von Peter Michael Lingens. Wien, Frankfurt am Main: Deuticke Verlagsgesellschaft, 2003, 335 S.


Quellenverzeichnis:

(1) – Wikipedia
(2) – Lichtschimmer, die Geschichte von sechs Gerechten und den Völkern in Auschwitz
(3) – Der Auschwitz Prozess – eine Kurzbiografie mit Hörbeispiel.
(4) – Wien Geschichte Wiki
(5) –

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

12 + = 16