Gedenkstätte zum Juli 1927

Juli1927-2Das Schicksaljahr 1927
20. Juli: Begräbnis von 57 Opfern.
Zentralfriedhof, Tor 2, Gruppe 41 G, Nr. 1 – 66

Wilhelm Ellenbogen sprach die Totenrede für die Partei und die Gewerkschaft.

„…Und euren Angehörigen, die grammgebrochen um eure Särge versammelt sind, mag es zum Troste gereichen, wenn wir euch sagen, dass euer Andenken allen künftigen Generationen heilig sein wird….“

 

30. Jänner: Ermordung des Kriegsinvaliden Matthias Csmarits und ein Kind Josef Grössing in Schattendorf.
Am 30. Jänner 1927 Demonstration anläßlich des feigen Mordes in Schattendorf. Am Tag des Begräbnisses, den 2. Februar ruhte in einem viertelstündigen Generalstreik die Arbeit in allen Wiener Betrieben.

Am 4. März wurde der Nationalrat aufgelöst. Vom Industriellenverband flossen Geldströme in die Parteikassen der antimarxistischen Einheitsliste. Bei der Wahl konnten sich die Sozialdemokraten trotzdem behaupten.

Freispruch der Mörder von Schattendorf.
Ein Geschworenengericht hatte drei Mitglieder der Frontkämpfervereinigung Deutsch-Österreichs freigesprochen, die im burgenländischen Schattendorf bei einem Zusammenstoß mit Sozialdemokraten zwei Menschen erschossen hatten, nämlich einen 40-jährigen kroatischen Hilfsarbeiter (Kriegsinvalide) und ein 8-jähriges Kind.

Um 5 Uhr früh des 15. Juli  beschlossen die Betriebsräte der Elektrizitätswerke bei einer Konferenz wegen dieses Unrechts den Strom für die Straßenbahnen von 8 bis 9 Uhr abzuschalten. Die Telefon- und Telegraphenarbeiten beschlossen den Betrieb von halb  bis  9 Uhr  stillzulegen.

Das Blutbad am 15. Juli 1927:
Halb Wien war auf den Beinen. Einige Arbeitergruppen zogen auf die Ringstrasse – sie waren unbewaffnet. Eine Truppe berittene Polizei versuchte die Gruppe vom Ring abzudränJuli1927gen. Im darauffolgenden Konflikt wehrten sich die Massen und eine Gruppe Polizisten flüchtete in den Justizpalast. Die Schutzbündler konnten die Massen nicht beruhigen. Ausbruch des Brandes im Justizpalast. Die eingeschlossenen Polizisten wurden durch Schutzbündler befreit.
Während der Löscharbeiten eröffneten Polizisten vor dem Justizpalast mit einer Gewehrsalve das Feuer in die dicht gestauten Massen. Mehr als 90 Menschen mussten ihr Leben lassen. (Eine Zusammenfassung  aus  Julius Deutsch, Geschichte der österr. Gewerkschaftsbewegung 2. Band, Wien 1932, Wiener Volksbuchhandlung, Seite 266, 267)

Juli1927-3Ein Auszug von Grauslichkeiten dieses Tages:  (Julius Braunthal, Die Wiener Julitage 1927, Wienr Volksbuchhandlung, Wien 1927, Seiten 30f)

Auf der Ringstrasse wurde ein einzelner, hilferufender Verwundeter von einem Revierinspektor niedergestreckt.
Um 17:30 wurde bei der Sanitätsstation vor dem Stadtschulratsgebäude dem Arbeiter Bruno Peiska gezielt von der Polizei in den Rücken geschossen.
Ein Sanitätsauto wurde beim Planetarium unter wohlgezieltes Feuer genommen, dabei wurde eine Frau durch einen Kopfschuss getötet.

Am 16. Juli verkündeten die Gewerkschaftskommission und der Parteivorstand einen Generalstreik und der einen Tag währte.

Polizeipräsident Johann Schober gab den Schießbefehl
Als Hauptverantwortlicher wurde der Wiener Polizeipräsident Johann Schober ausgemacht. Er hatte die Polizei mit Militärwaffen ausgestattet und den Schießbefehl gegeben, nachdem der von ihm eingeforderte Einsatz des Bundesheeres abgelehnt wurde.
Eine wichtige Rolle in diesem Zusammenhang spielte der Bundeskanzler Ignaz Seipel, der keine Berührungsängste mit dem Nationalsozialismus hatte. In einer Rede im Nationalrat verteidigte er den Einsatz der Polizei und sprach davon, keine Milde mit den Demonstrant*innen walten zu lassen, was ihm den Beinamen des „Prälaten ohne Milde“ einbrachte.

Der Arbeiter Franz Bolzer schreibt: (1)

Ich warFreitagvormittag durch einen Zufall in der Nähe des Justizpalastes und habe dort manche herzzerreißende Szene miterlebt. Für zwei Uhr nachmittags hatte ich mit meiner Frau eine Verabredung bei der Bellaria. Ich traf sie vor dem Stadtschulratsgebäude, wo sich eine Sanitätsstation befand. Eben trug man einen Schwerverletzten auf einer Tragbahre herbei. Meine Frau, die während des Krieges Pflegedienst versehen hatte, sprang hilfsbereit hinzu, um ihre Kenntnisse zur Verfügung zu stellen. In demselben Moment aber kamen vom Schwarzenbergplatz her im schnellsten Laufschritt Polizisten mit Gewehren, und obwohl kein Aufstand war, ja nicht einmal Rufe gegen die Polizeimannschaft ausgestoßen wurden, begann diese eine wilde Schießerei. Vergeblich versuchten die Leute der Sanitätsstation, die durch ein rotes Kreuz kenntlich gemacht war, mit Zurifen und Händehochheben die Polizisten zu besänftigen, diese schossen aber wie toll just in die Station hinein. Eine wilde Panik entstand. Ich wurde von meiner Frau weggerissen und fand gerade noch hinter einer Säule Deckung. Das Letzte, was ich von meiner Frau sah, war, dass sie sich über einen Verwundeten beugte.

Als sich der Feuersturm verzogen hatte, kam ich wieder hervor und hielt Ausschau nach meiner Frau. Ich fragte einen mir bekannten Genossen, der beim Stadtschulratsgebäude Dienst hatte, ob er denn nichts von meiner Frau wisse. Der aber gab mir eine ausweichende Antwort. In qualvoller Angst fuhr ich darauf in meine Wohnung in die Simmeringer Hauptstrasse 201 und immer wieder zurück und immer wieder vergeblich! Was folgte, war die ntsetzlichste Nacht meines Lebens. Am nächsten Vormittag ging ich ins Allgemeine Krankenhaus. Es waren 48 Tote dort, unter ihnen eine einzige Frau. Dies Frau war die meine. Hier also fand ich sie wieder, hier also fand ich die fürchterliche Wahrheit.

Später erzählte mir der Genosse, den ich am Abend vorher nach meiner Frau gefragt hatte, dass er mir aus Mitleid die schreckliche Nachricht verschwiegen habe. Gerade als sie sich über den Verwundeten geneigt hatte, sei die tödliche Kugel gekommen und habe ihr den Hinterkopf zerschmettert.

Wer soll nun all das Leid tragen? Ich muss für ein achtjähriges Kind leben – sonst folgt sie meiner armen Frau in den Tod.
Mit Freundschaft Ihr unglücklicher
Franz Bolzer

Politjustiz ging weiter:

88 Menschen wurden durch die Polizei erschossen. Massenverhaftungen und Massendennunziationen – 919 Menschen wurden zur Anzeige gebracht. Bei 317 Anzeigen musste die Strafverfolgung eingestellt werden, obwohl sie mehrere Wochen in Haft waren. Bei den Prozessen wurden harmloseste Delikte unter schwere Anklage gestellt. Leute, die Autos angehalten haben, um Verwundete abzutransportieren, wurden wegen Erpressung zu Kerkerstrafen verurteilt.
Morde und Meuchelmorde von einzelnen Polizisten blieben frei von jeder Verfolgung und Strafe.

Die Opfer der Schreckenstage 1927 in Wien

Rosa Jochmann fasste die Ereignisse des 15. Juli folgendermaßen zusammen:

„Niemand hatte uns aufgefordert, zu demonstrieren, doch traf ich auf der Ringstraße viele Bekannte. Wir marschierten eine ganze Weile schweigend, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. Wir fühlten uns eins in unserer Empörung über dieses Unrecht. Wir waren zutiefst in unserem Rechtsempfinden verletzt.“

Karl Kraus und der 90. Tote
Es gab jedoch 90 Tote: Ein 16-jähriger Bursche, der kein Julidemonstrant gewesen war, sondern auf einem Botengang den Rand des Geschehens passiert hatte, starb am 27. Dezember 1927.
„Man wirft uns vor, dass wir Sozialdemokraten ,noch immer‘ vom 15. Juli reden”, schrieb tags darauf unter dem Titel „Der Neunzigste” die Arbeiterzeitung. „Noch immer Angriffe wegen des 15. Juli, Herr Schober? Noch immer Tote wegen des 15. Juli, Herr Schober!”
Karl Kraus befasste sich in den nächsten beiden Nummern der Fackel ausführlich mit dem neunzigsten Opfer. Hans Erwin Kiesler war von fliehenden Demonstranten mitgerissen worden, wobei ihn drei Kugeln der Polizisten trafen.

Wiener Zeitung am 13. Juli 2012: Zwischenkriegszeit – Der tragische Wendepunkt
Die Presse am 15. Juli 2012 – Vor 85 Jahren: Der Justizpalast geht in Flammen auf

Hans Hautmann: Klassenjustiz in der Ersten Republik

Die Ereignisse des 15. Juli 1927 in Wien sind ohne die Vorgeschichte nicht zu verstehen, und mein einleitendes Referat widmet sich dieser Vorgeschichte. Der spontane Ausbruch der Massenempörung der Wiener Arbeiterschaft an diesem Tag war nämlich in erster Linie eine Reaktion auf Gerichtsurteile, die bereits in den Jahren vorher wachsende Verbitterung und Wut hervorgerufen hatten, so sehr, dass das Urteil im Schattendorf-Prozess dann das Fass endgültig zum Überlaufen brachte.


Quellenverzeichnis:

(1) Aus dem Begleitheft zur Uraufführung des Stückes „Alles Walzer, alles brennt“ von Christine Eder im Volkstheater

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